reise-nach-kolumbien.de - Eine Grafik des Künstlerkollektivs Toxicómano Callejero

Buchbesprechung: Mi Padre

Juan Pablo Escobar, der Sohn des legendären Medellin-Mafiosos, Drogengangsters und mutmaßlichen Massenmörders, der am 3. Dezember 1993 von einer Spezialeinheit der Polizei gestellt und zur Strecke gebracht wurde, liefert mit dem Buch „Mi Padre. Las Historias que no deberiamos saber“ eine subjektive Darstellung der Karriere seines Vaters und versucht sich, zumindest ansatzweise, an einer distanzierenden Kritik.
 
In Kolumbien avancierte MI PADRE nach Erscheinen zum meistgelesenen Buch der letzten Monate, Beleg dafür, wie sehr der Name und die mit ihm verbundenen Taten die kolumbianische Gesellschaft nach wie vor beschäftigt, wenn nicht elektrisiert. So haben sich viele Leser von diesem Buch Klarheit über die private wie öffentliche Person Pablo Escobar wie auch die gesellschaftlichen Auswirkungen seines Tuns versprochen, und der Verlag heizt mit dem Untertitel „Die Geschichten, die wir nicht wissen sollten“ sowie einer reichlich pathetisch geratenen Einführung diese Erwartungen an, die aber nur ansatzweise erfüllt werden.

Das Buch gewährt einen persönlichen Einblick in den Aufstieg und die Funktionsweise der Drogenkartelle aus Medellín und Cali, die in den 1980er und -90er Jahren zur mächtigen Gegengewalt des Staates geworden waren. Der Staatsapparat jener Zeit ist für die Mafiosos mehr oder weniger bedeutungslos, allenfalls Fassade, mit dem sie nach Gutdünken umspringen, den sie erpressen und verhöhnen konnten. Die Schilderungen des Autors belegen aber auch wie unbeholfen der kolumbianische Staat lange Zeit auf die Aggression der kriminellen Organisation seines Vaters reagierte und sich jahrelang als unfähig erwies, ihm das Handwerk zu legen. Aus Angst, Unfähigkeit, falsch verstandener Milde, Korruption? Die Beantwortung dieser Frage bleibt weiterhin den Zeithistorikern vorbehalten.

‚Mi Padre‘ kann mit vielen interessanten Details aufwarten. Auch die dubiose Rolle so manches Spitzenpolitikers wird am Rande gestreift. Der in Kolumbien längst wieder rehabilitierte Ex-Präsident Ernesto Samper erscheint als raffgieriger junger Wahlkampfleiter, der eifrig Gelder aus dem Drogensumpf einsammelt, um seine politischen Ziele zu erreichen, wohingegen der in den Medien gelegentlich als ‚Teflon‘-Präsident bezeichnete Àlvaro Uribe (weil an ihm bislang noch jeder Skandal abgeperlt ist) sich nach dem Dafürhalten des Autors Zeit seiner Karriere von den Drogenbossen ferngehalten habe.

Den größten Verrat an Pablo Escobar verübten den Einschätzungen des Sohnes folgend aber weder der kolumbianische Staat, seine Repräsentanten und Institutionen in Form des Geheimdienstes DAS oder der Generalstaatsanwaltschaft und auch nicht die abtrünnigen Kumpanen in Form des Kartells von Cali oder die Los Pepes, sondern die eigene Familie Escobar. Allen voran Bruder ‚Osito‘ (das Bärchen), der mit dem US Geheimdienst kooperiert und kollaboriert und Pablo Escobar durch seine Aussagen mit ans Messer geliefert habe. Für einen Kolumbianer kann es nichts Schlimmeres geben, als die eigene Familie durch Verrat zu verlieren, auch wenn, wie im Fall von Juan Pablo Escobar, der abtrünnige Teil der Familie auf die väterliche Seite beschränkt bleibt, wohingegen der mütterliche Teil der Familie mit all seinen bürgerlichen Attributen aus Anstand und Aufrichtigkeit letztlich für den Autor, Ausgangspunkt und Garant für ein neues, selbstbestimmtes Leben ist, jenseits des Teufelskreises fortgesetzter Gewalt, der den Geschäften der Drogenmafia nun einmal immanent ist.

Man möchte Juan Pablo Escobar seine Aufrichtigkeit in der Beurteilung des Vaters nicht absprechen, aber die verständnisvolle Schilderung seines Werdeganges liefert doch ein recht einseitiges Bild. Während die vielen Mordtaten des Vaters eher beiläufig geschildert werden, und ihn beinahe als Getriebenen seines Schicksals erscheinen lassen, werden seine Gegenspieler und Widersacher fast ausnahmslos als grausam, illoyal und unehrenhaft dargestellt. Leider verfällt der Autor nur allzu oft diesem Schwarzweiss-Muster. Ganz offenbar ist der lange Schatten des Vaters, aus dem sich der Sohn unter anderem mit diesem Buch zu befreien versucht, auch über zwanzig Jahre nach seinem Dahinscheiden übermächtig.
Dabei hat Juan Pablo an anderer Stelle bereits glaubhaft bewiesen, dass er durchaus in der Lage ist, Distanz zu den Schreckenstaten des Vaters zu üben, den Nachkommen der durch Pablo Escobar Ermordeten Respekt zu erweisen und ihnen die Hand zum Zeichen des Bedauerns zu reichen. Das betrifft insbesondere den Sohn des ermordeten früheren Justizministers Rodrigo Lara Bonilla und die Söhne des ermordeten liberalen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán, die gemeinsam ein beeindruckendes Zeichen der Versöhnung gesetzt haben.

Die Chance, die Zeichen der Versöhnung nun auch in diesem Buch schriftlich zu akzentuieren, lässt der Autor bedauerlicherweise ungenutzt.
Viel ist hingegen davon die Rede, dass dem Autor und seiner Familie nun endlich nach so vielen Jahren, das Recht zugestanden werde, als freie unbescholtene Menschen in Kolumbien oder wo auch immer leben zu dürfen und nicht ständig an die Gewalttaten des Vaters erinnert zu werden. Dass das familiäre Erbe auch eine persönliche wie gesellschaftliche Verantwortung für die Hinterbliebenen der vielen Opfer bedeuten könnte, kommt dem Autor nicht in den Sinn. Stattdessen stilisiert er sich selbst zu einem Opfer des Drogenkrieges und richtet einen verständnisheischenden Appell an die Öffentlichkeit, wohingegen man die Reflexion der eigenen Rolle gerade in seiner Beziehung auf den Vater weitgehend vermisst. Bedauerlicherweise überwiegt der Ton der Selbstgerechtigkeit gegenüber dem der Nachdenklichkeit. Damit macht man sich keine Freunde, sondern schürt alte Ressentiments.

Zweifelsohne ist der Versuch, den Vater als einen Menschen aus Fleisch und Blut darzustellen, der von einigen zum Monstrum stilisiert und von nicht wenigen noch immer als Legende verehrt wird, keine einfache Aufgabe. Und der Leser wird die Zuneigung, die der Sohn dem Vater auch noch in den schwärzesten Stunden ihres gemeinsamen Lebens entgegenbringt bei allen Brüchen dieser Schilderung auch mit Anteilnahme aufnehmen. In diesen persönlichen Passagen entfaltet das Buch sogar seine größten Stärken.

Revue passieren lässt Juan Pablo Escobar noch einmal die dramatischen Stunden in den Residencias Tequendama, diesem hässlichen Klotz eines auch damals schon heruntergekommenen Luxushotels im Herzen Bogotás, das nicht einmal Doppelfenster aufzuweisen hatte, die eine Barriere zwischen dem unten tosenden Verkehrslärm und den Autoabgasen schaffen konnte, als die Familie in einem der oberen Stockwerke nach der Rückkehr von der verweigerten Einreise nach Deutschland am 29. November 1993 einquartiert wurde. Die von der DAS abgestellten Sicherheitskräfte schlagen sich auf Kosten der Familie den Bauch mit Langostinos, Mariscos und Steaks voll und ordern den teuersten Whisky. Das entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik und nichts erschiene nahe liegender, als dass der Autor diese Szene mit beißendem Witz schilderte, statt dessen drückt er auf die Tränendrüse, wenn er beklagt, dass die Familie nun für die durch den Staat gewährte Sicherheit auch noch bezahlen müsse.

Dramatisch allerdings die Szene, als der junge Juan Pablo vor dem Kartell von Cali, das nach dem Tod des Vaters die Macht im Drogenhandel übernommen hat und nun auch den Kopf des Sohnes fordert, um sein Leben kämpfen muss, als er erklärt, den gewaltsamen Tod des Vaters nicht rächen zu wollen, sondern im Ausland in Ruhe zu leben. Um zu überleben muss er gehen. Das Cali-Kartell hat den Einfluss der noch verbliebenen Escobars zu Beginn der Einvernahme des damals noch minderjährigen Sohnes sicherlich überschätzt, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, denn auch die Macht des Cali-Kartells steht schließlich nur auf tönernen Füssen. Und so gelingt es Juan Pablo beim Cali-Kartell Mitleid zu erregen, bis sie in ihm nicht länger einen ernstzunehmenden Rivalen wähnen, sondern einen ‚harmlosen‘ Jungen. Schließlich dürfen Mutter und Sohn sogar die auf ihn überschriebenen Immobilien behalten, während der Löwenanteil der vielen Escobar Liegenschaften nach einigem Geschacher an das Cali-Kartell und die mit ihm verbündeten Los Pepes fällt.

Die Romanze der Eltern hatte wie so viele Geschichten junger Liebespaare begonnen. Pablo fährt seine Angebetete im senfgelben R4 zum Aussichtspunkt Estadero El Peñasco mit Blick auf Medellín. Warum hat sich das junge Mädchen in ihn verliebt? Sein Blick, sein maliziöses Lächeln, er ist ein großer Verführer. Nun das dürfte bei einer Halbwüchsigen keine allzu große Kunst gewesen sein. Eine minderjährige Freundin, die anschließend zur Ehefrau und Gefährtin wird, ist im Kolumbien des 20. Jahrhunderts durchaus nichts Ungewöhnliches, man denke nur an die Ehe von Gabriel García Márquez mit Mercedes. Hierin steckt viel an katholischer Tradition, der tiefsitzende Glaube an die heilige Inmaculata. Auch die berühmte Flucht von Arturo Cova, dem Helden aus La vorágine, dem großen Klassiker der kolumbianischen Literatur des vergangenen Jahrhunderts von Jose Eustasio Rivera, mit der minderjährigen Alicia aus Bogotá hinab in die Niederungen der Llanos und des Amazonasgebietes, hat einiges mit den Eskapaden des jungen Pablo Escobar gemein. Er flüchtet mit der nicht einmal Sechzehnjährigen nach Cali und weiter nach Pasto, um sie vor den Traualtar zu führen.

Doch zwischendrin ist der junge Ehemann Pablo Escobar mit ganz anderen Sachen beschäftigt. Autodiebstähle, Schmuggel, weitere Liebschaften und lange Zeiten der Abwesenheit von der jungen Braut füllen die Tage und Nächte aus. Jedenfalls landet er bald darauf im Gefängnis, wo seine kriminelle Laufbahn erst so richtig Fahrt aufnimmt. Hier kommt er erstmals mit den richtig großen Gangstern in Kontakt, einer von ihnen Alberto Prieto ‚El Padrino‘, der die einträgliche Schmuggelroute aus dem Urabá nach Medellín kontrolliert und ihn zu seinem Stellvertreter befördert. Nach zwei Monaten ist Pablo Escobar wieder draußen, das Verfahren wird eingestellt, denn die Beweise sind auf wundersame Weise verschwunden, aber nicht vergessen, sondern im Archiv des El Espectador niedergelegt. Die spätere Veröffentlichung bedeutet das Todesurteil für den Zeitungsdirektor Guillermo Cano.

Den ersten Mord verübt Pablo Escobar vom Motorrad aus an einem aufgelauerten Verräter. Dann kommt die erste Kokainpaste, damals noch aus Ecuador, die in kleinen Laboratorien in einigen Fincas in der Umgebung von Medellín raffiniert und kristallisiert wird. Schließlich kommt der ganz große Drogenhandel in Schwung, als es Pablo Escobar gelingt, die komplette Verwertungskette in die Hand zu bekommen. Das gelingt scheinbar spielerisch, quasi im Vorbeigehen, während die großen Deals in den Diskothekennächten eingeläutet und begossen werden.

 

„Juan Pablo Escobar   Pablo Escobar  MI PADRE   (Las Historias que no deberiamos saber)  - Frei übersetzt mit „Die Geschichten, die wir nicht wissen sollten“  -  Editorial Planeta Colombiana S.A., November 2014  ISBN 10: 958-42-4300-4    www.pabloescobarmipadre.com    PABLO ESCOBAR – DER LETZTE 'MACHO' STIRBT ALLEIN      Juan Pablo Escobar, der Sohn des legendären Medellin-Mafiosos, Drogengangsters und mutmaßlichen Massenmörders, der am 3. Dezember 1993 von einer Spezialeinheit der Polizei gestellt und zur Strecke gebracht wurde, liefert mit  diesem Buch eine subjektive Darstellung der Karriere seines Vaters und versucht sich, zumindest ansatzweise, an einer distanzierenden Kritik.   In Kolumbien avancierte MI PADRE nach Erscheinen zum meistgelesenen Buch der letzten Monate, Beleg dafür, wie sehr der Name und die mit ihm verbundenen Taten die kolumbianische Gesellschaft nach wie vor beschäftigt,  wenn nicht elektrisiert. So haben sich viele Leser von diesem Buch Klarheit  über die private wie öffentliche Person Pablo Escobar wie auch die gesellschaftlichen Auswirkungen seines Tuns versprochen, und der Verlag heizt mit dem Untertitel „Die Geschichten, die wir nicht wissen sollten“ sowie einer reichlich pathetisch geratenen Einführung diese Erwartungen an, die aber nur ansatzweise erfüllt werden.            Das Buch gewährt einen persönlichen Einblick in den Aufstieg und die Funktionsweise der Drogenkartelle aus Medellín und Cali, die in den 1980er und -90er Jahren zur mächtigen Gegengewalt des Staates geworden waren. Der Staatsapparat jener Zeit ist für die Mafiosos mehr oder weniger bedeutungslos, allenfalls Fassade, mit dem sie nach Gutdünken umspringen, den sie erpressen und verhöhnen konnten. Die Schilderungen des Autors belegen aber auch wie unbeholfen der kolumbianische Staat lange Zeit auf die Aggression der kriminellen Organisation seines Vaters reagierte und sich jahrelang als unfähig erwies, ihm das Handwerk zu legen. Aus Angst, Unfähigkeit, falsch verstandener Milde, Korruption? Die Beantwortung dieser Frage bleibt weiterhin den Zeithistorikern vorbehalten.     'Mi Padre' kann mit vielen interessanten Details aufwarten. Auch die dubiose Rolle so manches Spitzenpolitikers wird am Rande gestreift. Der in Kolumbien längst wieder rehabilitierte Ex-Präsident Ernesto Samper erscheint als raffgieriger junger Wahlkampfleiter, der eifrig Gelder aus dem Drogensumpf einsammelt, um seine politischen Ziele zu erreichen, wohingegen der in den Medien gelegentlich als 'Teflon'-Präsident bezeichnete Àlvaro Uribe (weil an ihm bislang noch jeder Skandal abgeperlt ist) sich nach dem Dafürhalten des Autors Zeit seiner Karriere von den Drogenbossen ferngehalten habe.             Den größten Verrat an Pablo Escobar verübten den Einschätzungen des Sohnes folgend aber weder der kolumbianische Staat, seine Repräsentanten und Institutionen in Form des Geheimdienstes DAS oder der Generalstaatsanwaltschaft und auch nicht die abtrünnigen Kumpanen in Form des Kartells von Cali oder die Los Pepes, sondern die eigene Familie Escobar. Allen voran Bruder 'Osito' (das Bärchen), der mit dem US Geheimdienst kooperiert und kollaboriert und Pablo Escobar durch seine Aussagen mit ans Messer geliefert habe. Für einen Kolumbianer kann es nichts Schlimmeres geben, als die eigene Familie durch Verrat zu verlieren, auch wenn, wie im Fall von Juan Pablo Escobar, der abtrünnige Teil der Familie auf die väterliche Seite beschränkt bleibt, wohingegen der mütterliche Teil der Familie mit all seinen bürgerlichen Attributen aus Anstand und Aufrichtigkeit letztlich für den Autor, Ausgangspunkt und Garant für ein neues, selbstbestimmtes Leben ist, jenseits des Teufelskreises fortgesetzter Gewalt, der den Geschäften der Drogenmafia nun einmal immanent ist.        Man möchte Juan Pablo Escobar seine Aufrichtigkeit in der Beurteilung des Vaters nicht absprechen, aber die verständnisvolle Schilderung seines Werdeganges liefert doch ein recht einseitiges Bild. Während die vielen Mordtaten des Vaters eher beiläufig geschildert werden, und ihn beinahe als Getriebenen seines Schicksals erscheinen lassen, werden seine Gegenspieler und Widersacher fast ausnahmslos als grausam, illoyal und unehrenhaft dargestellt. Leider verfällt der Autor nur allzu oft diesem Schwarzweiss-Muster. Ganz offenbar ist der lange Schatten des Vaters, aus dem sich der Sohn unter anderem mit diesem Buch zu befreien versucht, auch über zwanzig Jahre nach seinem Dahinscheiden übermächtig.            Dabei hat Juan Pablo an anderer Stelle bereits glaubhaft bewiesen, dass er durchaus in der  Lage ist, Distanz zu den Schreckenstaten des Vaters zu üben, den Nachkommen der durch Pablo Escobar Ermordeten Respekt zu erweisen und ihnen die Hand zum Zeichen des Bedauerns zu reichen. Das betrifft insbesondere den Sohn des ermordeten früheren Justizministers Rodrigo Lara Bonilla und die Söhne des ermordeten liberalen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán, die gemeinsam ein beeindruckendes Zeichen der Versöhnung gesetzt haben.           Die Chance, die Zeichen der Versöhnung nun auch in diesem Buch schriftlich zu akzentuieren, lässt der Autor bedauerlicherweise ungenutzt.  Viel ist hingegen davon die Rede, dass dem Autor und seiner Familie nun endlich nach so vielen Jahren, das Recht zugestanden werde, als freie unbescholtene Menschen in Kolumbien oder wo auch immer leben zu dürfen und nicht ständig an die Gewalttaten des Vaters erinnert zu werden. Dass das familiäre Erbe auch eine persönliche wie gesellschaftliche Verantwortung für die Hinterbliebenen der vielen Opfer bedeuten könnte, kommt dem Autor nicht in den Sinn. Stattdessen stilisiert er sich selbst zu einem Opfer des Drogenkrieges und richtet einen verständnisheischenden Appell an die Öffentlichkeit, wohingegen man die Reflexion der eigenen Rolle gerade in seiner Beziehung auf den Vater weitgehend vermisst. Bedauerlicherweise überwiegt der Ton der Selbstgerechtigkeit gegenüber dem der Nachdenklichkeit. Damit macht man sich keine Freunde, sondern schürt alte Ressentiments.                     Zweifelsohne ist der Versuch, den Vater als einen Menschen aus Fleisch und Blut darzustellen, der von einigen zum Monstrum stilisiert und von nicht wenigen noch immer als Legende verehrt wird, keine einfache Aufgabe. Und der Leser wird die Zuneigung, die der Sohn dem Vater auch noch in den schwärzesten Stunden ihres gemeinsamen Lebens entgegenbringt bei allen Brüchen dieser Schilderung auch mit Anteilnahme aufnehmen. In diesen persönlichen Passagen entfaltet das Buch sogar seine größten Stärken.     Revue passieren lässt Juan Pablo Escobar noch einmal die dramatischen Stunden in den Residencias Tequendama, diesem hässlichen Klotz eines auch damals schon heruntergekommenen Luxushotels im Herzen Bogotás, das nicht einmal Doppelfenster aufzuweisen hatte, die eine Barriere zwischen dem unten tosenden Verkehrslärm und den Autoabgasen schaffen konnte, als die Familie in einem der oberen Stockwerke nach der Rückkehr von der verweigerten Einreise nach Deutschland am 29. November 1993 einquartiert wurde. Die von der DAS abgestellten Sicherheitskräfte schlagen sich auf Kosten der Familie den Bauch mit Langostinos, Mariscos und Steaks voll und ordern den teuersten Whisky. Das entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik und nichts erschiene nahe liegender, als dass der Autor diese Szene mit beißendem Witz schilderte, statt dessen drückt er auf die Tränendrüse, wenn er beklagt, dass die Familie nun für die durch den Staat gewährte Sicherheit auch noch bezahlen müsse.         Dramatisch allerdings die Szene, als der junge Juan Pablo vor dem Kartell von Cali, das nach dem Tod des Vaters die Macht im Drogenhandel übernommen hat und nun auch den Kopf des Sohnes fordert, um sein Leben kämpfen muss, als er erklärt, den gewaltsamen Tod des Vaters nicht rächen zu wollen, sondern im Ausland in Ruhe zu leben. Um zu überleben muss er gehen. Das Cali-Kartell hat den Einfluss der noch verbliebenen Escobars zu Beginn der Einvernahme des damals noch minderjährigen Sohnes sicherlich überschätzt, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, denn auch die Macht des Cali-Kartells steht schließlich nur auf tönernen Füssen. Und so gelingt es Juan Pablo beim Cali-Kartell Mitleid zu erregen, bis sie in ihm nicht länger einen ernstzunehmenden Rivalen wähnen, sondern einen 'harmlosen' Jungen. Schließlich dürfen Mutter und Sohn sogar die auf ihn überschriebenen Immobilien behalten, während der Löwenanteil der vielen Escobar Liegenschaften nach einigem Geschacher an das Cali-Kartell und die mit ihm verbündeten Los Pepes fällt.                    Die Romanze der Eltern hatte wie so viele Geschichten junger Liebespaare begonnen. Pablo fährt seine Angebetete im senfgelben R4 zum Aussichtspunkt Estadero El Peñasco mit Blick auf Medellín. Warum hat sich das junge Mädchen in ihn verliebt? Sein Blick, sein maliziöses Lächeln, er ist ein großer Verführer. Nun das dürfte bei einer Halbwüchsigen keine allzu große Kunst gewesen sein. Eine minderjährige Freundin, die anschließend zur Ehefrau und Gefährtin wird, ist im Kolumbien des 20. Jahrhunderts durchaus nichts Ungewöhnliches, man denke nur an die Ehe von Gabriel García Márquez mit Mercedes. Hierin steckt viel an katholischer Tradition, der tiefsitzende Glaube an die heilige Inmaculata. Auch die berühmte Flucht von Arturo Cova, dem Helden aus La vorágine, dem großen Klassiker der kolumbianischen Literatur des vergangenen Jahrhunderts von Jose Eustasio Rivera, mit der minderjährigen Alicia aus Bogotá hinab in die Niederungen der Llanos und des Amazonasgebietes, hat einiges mit den Eskapaden des jungen Pablo Escobar gemein. Er flüchtet mit der nicht einmal Sechzehnjährigen nach Cali und weiter nach Pasto, um sie vor den Traualtar zu führen.            Doch zwischendrin ist der junge Ehemann Pablo Escobar mit ganz anderen Sachen beschäftigt. Autodiebstähle, Schmuggel, weitere Liebschaften und lange Zeiten der Abwesenheit von der jungen Braut füllen die Tage und Nächte aus. Jedenfalls landet er bald darauf im Gefängnis, wo seine kriminelle Laufbahn erst so richtig Fahrt aufnimmt. Hier kommt er erstmals mit den richtig großen Gangstern in Kontakt, einer von ihnen Alberto Prieto 'El Padrino', der die einträgliche Schmuggelroute aus dem Urabá nach Medellín kontrolliert und ihn zu seinem Stellvertreter befördert. Nach zwei Monaten ist Pablo Escobar wieder draußen, das Verfahren wird eingestellt, denn die Beweise sind auf wundersame Weise verschwunden, aber nicht vergessen, sondern im Archiv des El Espectador niedergelegt. Die spätere Veröffentlichung bedeutet das Todesurteil für den Zeitungsdirektor Guillermo Cano.   Den ersten Mord verübt Pablo Escobar vom Motorrad aus an einem aufgelauerten Verräter. Dann kommt die erste Kokainpaste, damals noch aus Ecuador, die in kleinen Laboratorien in einigen Fincas in der Umgebung von Medellín raffiniert und kristallisiert wird. Schließlich kommt der ganz große Drogenhandel in Schwung, als es Pablo Escobar gelingt, die komplette Verwertungskette in die Hand zu bekommen. Das gelingt scheinbar spielerisch, quasi im Vorbeigehen, während die großen Deals in den Diskothekennächten eingeläutet und begossen werden. Zu Beginn der großen Mafialaufbahn erscheint so manches noch spaßig, selbst die Morde an Kumpanen, so als hätte sich Quentin Tarantino den Plot ausgedacht, geradezu hollywoodesk. Pablo Escobar hatte auch eine sehr unterhaltsame Seite und gegenüber Frauen eine charmante Ader, aber allerspätestens mit der Gründung der MAS (Muerte a Secuestradores), den Auftragsmorden an Politikern, Polizisten und unbeteiligten Zivilisten, verliert der Gangster jedes Maß. Seine Maßlosigkeit kennt keine Grenzen mehr, sein Leben wird spätestens zu diesem Zeitpunkt ziel- und schließlich nutzlos. Allein um sein persönliches Ego zu befriedigen wird der Blutzoll in der Folge weiter wachsen, bis zum bitteren Ende. Allmachtsphantasien breiten sich in seinem Kopf aus und die eigene Bedeutung in der Welt misst er am Papst oder dem amtierenden US-Präsidenten.   Die Familie wird erstickt in einem Sammelsurium aus zusammengekauften Immobilien, Antiquitäten und moderner Kunst. Botero Statuen und Dali Gemälde schmücken bald die Flure und Wände der vielen verstreuten Appartements. So anders als viele Neureiche in aller Welt tickten auch die Escobars nicht, was in deutschen Villen die Richters und Kiefers an den Wänden sind, sind in Lateinamerika eben die Dalis und Boteros. Zwischenzeitlich landete auch das Schwert Simón Bolivars, das die Guerrillabewegung M 19 entwendet hatte, bei den Spielsachen des Autors, der es nach einigem Suchen dem Vater zurückgeben musste, als der mal wieder einen der vielen zumeist zum Scheitern verurteilten Deals mit der Regierung oder der Justiz auszuhandeln versuchte. Seinem bald nur noch verbliebenen einzigem und letztem Ziel, niemals in die Vereinigten Staaten ausgeliefert zu werden, scheint er zwischenzeitlich sogar ganz nahe gekommen zu sein, als die Verfassungsgebende Nationalversammlung in der neuen Verfassung von 1991 ein Auslieferungsverbot für alle Kolumbianer ins Ausland festschreibt. Der tiefere Grund für Pablo Escobars Krieg gegen den Staat, gegen Politiker, Generäle, Richter und Widersacher aller Art, erscheint als Konsequenz einer langen Reihe persönlicher Zurücksetzungen und Degradierungen durch das politische und gesellschaftliche Establishment. Der Staat und die Konkurrenz aus Cali schießen ihm am Ende einen nach dem anderen Weggefährten weg. Als sie Gonzalo Rodríguez Gacha  'el Mexicano' in Tolú an der Karibikküste erwischen, erfüllt sich seine Prophezeiung, „es sei besser, die Küste zu meiden, zu gefährlich, es gebe keinen Dschungel und die Gringos seien überall, mit dem Meer im Rücken hast du keine Ausweichmöglichkeit.“   Machen wir uns nun ein anderes Bild von Pablo Escobar, weil wir erfahren, dass er auch eine weiche, gefühlvolle Seite hatte,  dass er ein ein Tierfreund war? Dass er gern Papageien fütterte und seltene Tierarten aus Brasilien für seine zum Zoo umfunktionierte Finca Los Nápoles für sündhaft teures Geld einschmuggelte?  Sollen wir ihn etwa sympathischer finden, weil hier suggeriert wird, dass er als Ehemann und Vater ein ganz  durchschnittlicher 'Macho' alter Schule war, wie sie heutzutage selbst in Kolumbien selten geworden sind, einer der sich von seiner Frau zum Frühstück am liebsten „plátano maduro frito en cuadritos y revueltos con huevo, arroz y carne servieren ließ? Welcher kolumbianische Mann, der kein Weichei ist, würde ein derartiges Frühstück ausschlagen? Seine Begeisterung für James Bond, Bonnie und Clyde, 'Scarface' und John Dillinger? Geschenkt. Ein König ohne Reich, so sah er sich im letzten Lebensjahr, nach der letzten Flucht aus 'La Catedral', als sich die Schlinge um seinen Hals immer fester zog, und er davon faselte in den Amazonasdschungel zu gehen und als Kommandant einer ELN-Einheit noch einmal neu zu beginnen, da muss ihm die Aussichtslosigkeit seines sinnlosen Feldzuges längst bewusst gewesen sein.     Sein Sohn hat die Cleverness und Willensstärke des Vaters geerbt sowie die Charakterfestigkeit und das diplomatische Geschick der Mutter, wertvolle Eigenschaften, ohne die er und seine Familie die letzten zwanzig Jahre wohl nicht so unversehrt überstanden hätte.     Juan Pablo Escobar hat mit seinem Buch keine Abrechnung mit dem Vater im Sinn, noch sucht er nach Rechtfertigungen für dessen Missetaten. Es ist der Versuch, die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückzugewinnen, geprägt durch eine nur äußerlich aufregende, aber meistenteils unglückliche Kindheit und Jugend. Wer hingegen mehr erwartet, wird nach der Lektüre enttäuscht sein.                                                                                   FS 2015“

Das Bild zeigt den Eingang zur berühmten „Hacienda Nápoles“ (Copyright: Frank Semper, www.sebra.de)

Zu Beginn der großen Mafialaufbahn erscheint so manches noch spaßig, selbst die Morde an Kumpanen, so als hätte sich Quentin Tarantino den Plot ausgedacht, geradezu hollywoodesk. Pablo Escobar hatte auch eine sehr unterhaltsame Seite und gegenüber Frauen eine charmante Ader, aber allerspätestens mit der Gründung der MAS (Muerte a Secuestradores), den Auftragsmorden an Politikern, Polizisten und unbeteiligten Zivilisten, verliert der Gangster jedes Maß. Seine Maßlosigkeit kennt keine Grenzen mehr, sein Leben wird spätestens zu diesem Zeitpunkt ziel- und schließlich nutzlos. Allein um sein persönliches Ego zu befriedigen wird der Blutzoll in der Folge weiter wachsen, bis zum bitteren Ende. Allmachtsphantasien breiten sich in seinem Kopf aus und die eigene Bedeutung in der Welt misst er am Papst oder dem amtierenden US-Präsidenten.

Die Familie wird erstickt in einem Sammelsurium aus zusammengekauften Immobilien, Antiquitäten und moderner Kunst. Botero Statuen und Dali Gemälde schmücken bald die Flure und Wände der vielen verstreuten Appartements. So anders als viele Neureiche in aller Welt tickten auch die Escobars nicht, was in deutschen Villen die Richters und Kiefers an den Wänden sind, sind in Lateinamerika eben die Dalis und Boteros. Zwischenzeitlich landete auch das Schwert Simón Bolivars, das die Guerrillabewegung M 19 entwendet hatte, bei den Spielsachen des Autors, der es nach einigem Suchen dem Vater zurückgeben musste, als der mal wieder einen der vielen zumeist zum Scheitern verurteilten Deals mit der Regierung oder der Justiz auszuhandeln versuchte. Seinem bald nur noch verbliebenen einzigem und letztem Ziel, niemals in die Vereinigten Staaten ausgeliefert zu werden, scheint er zwischenzeitlich sogar ganz nahe gekommen zu sein, als die Verfassungsgebende Nationalversammlung in der neuen Verfassung von 1991 ein Auslieferungsverbot für alle Kolumbianer ins Ausland festschreibt. Der tiefere Grund für Pablo Escobars Krieg gegen den Staat, gegen Politiker, Generäle, Richter und Widersacher aller Art, erscheint als Konsequenz einer langen Reihe persönlicher Zurücksetzungen und Degradierungen durch das politische und gesellschaftliche Establishment. Der Staat und die Konkurrenz aus Cali schießen ihm am Ende einen nach dem anderen Weggefährten weg. Als sie Gonzalo Rodríguez Gacha ‚el Mexicano‘ in Tolú an der Karibikküste erwischen, erfüllt sich seine Prophezeiung, „es sei besser, die Küste zu meiden, zu gefährlich, es gebe keinen Dschungel und die Gringos seien überall, mit dem Meer im Rücken hast du keine Ausweichmöglichkeit.“

Machen wir uns nun ein anderes Bild von Pablo Escobar, weil wir erfahren, dass er auch eine weiche, gefühlvolle Seite hatte, dass er ein ein Tierfreund war? Dass er gern Papageien fütterte und seltene Tierarten aus Brasilien für seine zum Zoo umfunktionierte Finca Los Nápoles für sündhaft teures Geld einschmuggelte? Sollen wir ihn etwa sympathischer finden, weil hier suggeriert wird, dass er als Ehemann und Vater ein ganz durchschnittlicher ‚Macho‘ alter Schule war, wie sie heutzutage selbst in Kolumbien selten geworden sind, einer der sich von seiner Frau zum Frühstück am liebsten „plátano maduro frito en cuadritos y revueltos con huevo, arroz y carne servieren ließ? Welcher kolumbianische Mann, der kein Weichei ist, würde ein derartiges Frühstück ausschlagen? Seine Begeisterung für James Bond, Bonnie und Clyde, ‚Scarface‘ und John Dillinger? Geschenkt. Ein König ohne Reich, so sah er sich im letzten Lebensjahr, nach der letzten Flucht aus ‚La Catedral‘, als sich die Schlinge um seinen Hals immer fester zog, und er davon faselte in den Amazonasdschungel zu gehen und als Kommandant einer ELN-Einheit noch einmal neu zu beginnen, da muss ihm die Aussichtslosigkeit seines sinnlosen Feldzuges längst bewusst gewesen sein.

Sein Sohn hat die Cleverness und Willensstärke des Vaters geerbt sowie die Charakterfestigkeit und das diplomatische Geschick der Mutter, wertvolle Eigenschaften, ohne die er und seine Familie die letzten zwanzig Jahre wohl nicht so unversehrt überstanden hätte.
Juan Pablo Escobar hat mit seinem Buch keine Abrechnung mit dem Vater im Sinn, noch sucht er nach Rechtfertigungen für dessen Missetaten. Es ist der Versuch, die Deutungshoheit über das eigene Leben zurückzugewinnen, geprägt durch eine nur äußerlich aufregende, aber meistenteils unglückliche Kindheit und Jugend. Wer hingegen mehr erwartet, wird nach der Lektüre enttäuscht sein.

Daten zum Buch:

Juan Pablo Escobar

Pablo Escobar
MI PADRE

(Las Historias que no deberiamos saber)
– Frei übersetzt mit „Die Geschichten, die wir nicht wissen sollten“ –
Editorial Planeta Colombiana S.A., November 2014
ISBN 10: 958-42-4300-4

www.pabloescobarmipadre.com

 
Zum Verfasser des Artikels:
 
Dr. Frank Semper ist Weltreisender, Indigenen-Rechtler und Publizist. Er hat zahlreiche Beiträge zu den Rechten indigener Völker sowie allgemeinen lateinamerikanischen Themen in diversen Fach- und Publikumszeitschriften veröffentlicht. Er ist Autor und Verleger der Nah Dran-Reiseführerreihe zu lateinamerikanischen Ländern. Buchveröffentlichungen u.a. Tor zum Amazonas (1999), Nah Dran Kolumbien, 5.A. (2013).
Seine Promotionsschrift über „Die Rechte der indigenen Völker in Kolumbien“ gilt als Pionierarbeit im Bereich des Indigenen-Rechts und wird demnächst in spanischer Übersetzung erscheinen.