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Kolumbiens Seele: Gabriel García Marquéz

Als ich vergangene Woche erfahren habe, dass Gabo – wie Gabriel García Marquéz in Kolumbien genannt wurde – im Krankenhaus sei, konnte ich nicht ahnen, dass wir eine Woche später bereits seinen Tod betrauern würden. In seinen 87 Lebensjahren hat er so viel erreicht, wie kein anderer Kolumbianer zuvor. Gabriel García Marquéz war Kolumbiens bekanntester Schriftsteller.

Hauptsächlich für sein Werk „Hundert Jahre Einsamkeit“ erhielt er 1982 den Nobelpreis für Literatur und damit auch große internationale Anerkennung – die auch der kolumbianischen Literatur insgesamt zugute kam. Die zugehörige Prämie investierte der Schriftsteller und Journalist in die Gründung der Tageszeitung „El Otro“. Sein literarisches Werk umfasst Drehbücher, Kolumnen, Reportagen, Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane und Memoiren. 1999 erkrankte Garcia Marquéz an Krebs, den er dank einer Chemotherapie überwand. Am 17. April 2014 verstarb Gabo nun in Mexiko-Stadt.

Das Leben von Gabriel García Marquéz

Der Schriftsteller Gabriel García Marquéz wurde am 6. März 1927 in dem pittoresken Dorf Aracataca in der Nähe der kolumbianischen Karibikküste geboren. Dort wuchs er bis zu seinem achten Lebensjahr bei seinen Großeltern, Oberst Marquéz und seiner Frau Tranquilina, auf. Die beiden waren gute Erzähler. Die Geschichten seines Großvaters über Krieg und Geschichte faszinierten Gabo. Seine abergläubische Großmutter hingegen warnte ihn immer wieder vor den bösen Geistern dieser Erde. Die Wurzeln des „Magischen Realismus“ seiner Werke. Mit dem Tod seines Großvaters zog er zu seinen Eltern. Diese und viele andere Episoden aus der Jugend von Garcia Marquéz beschrieb er in „Vivir para contarla“ (2002). Es sollte der erste von drei Bänden sein, aus denen seine Memoiren bestehen. 

Die Schule besuchte García Marquéz in einem Internat in Barranquilla. Dort schrieb er bereits seine ersten Gedichte und Comics. Im Alter von 12 Jahren erhielt er ein Stipendium für das Liceo Nacional de Zipaquirá, ein Gymnasium in einer Kleinstadt in der Nähe Bogotás, wo er sein Abitur machte. 

Die Liebe in den Zeiten der Cholera

Wer Kolumbien nicht kennt, kann sich nicht vorstellen, welche extreme Veränderung der Umzug nach Zipaquirá für García Marquéz mit sich brachte. Barranquilla liegt in der Karibik, ist warm und ganz anders als das in den kühlen Anden gelegenene Zipaquirá – die Menschen der Küste bezeichnen Bogotá und seine Umgebung dementsprechend auch als „Kühlschrank“. Dieser Umzug und der Kontrast zwischen Küste und Anden spiegelt sich in einigen seiner Werke wider, zum Beispiel in „El amor en los tiempos del colera“ („Die Liebe in den Zeiten der Cholera“). Gleichzeitig mein Lieblingsroman von García Marquéz. Hier wird Florentino Ariza, die Hauptfigur, von der kolumbianischen Karibikküste ins Landesinnere geschickt. Er jedoch fährt zurück, bevor er sein Ziel überhaupt erreicht.

Nach seinem Abitur begann Gabriel García Marquéz auf Wunsch seines Vaters Jura an der „Universidad Nacional“ in Bogotá zu studieren. 1947 erschien seine erste Erzählung „La tercera resignación” in der Zeitung „El Espectador“. Ein Jahr später, nach dem sogenannten „Bogotazo“ – blutige Ausschreitungen um den Mord an Jorge Eliecer Gaitán am 9. April 1948 – zog García Marquéz nach Cartagena um. Dort setzte er sein Studium fort und arbeitete journalistisch bei der Zeitung „El Universal“. 1950 gab er sein Jurastudium auf und zog zurück nach Barranquilla, wo er ebenfalls als Journalist bei der Zeitung „El Heraldo“ tätig war. Ende der Fünfziger Jahre heiratete er Mercedes Barcha und bekam seinen ersten Sohn. Seine Karriere als Schriftsteller begann mit der Novelle „La hojarasca“ (1955). Die kleine Novelle bot einen Vorgeschmack auf das was noch aus García Marquéz´ Feder kommen sollte. 1961 zog es Gabo nach New York, wo er als Freund Fidel Castros jedoch nicht willkommen war. Also ging es weiter nach Mexiko-Stadt, wo er schließlich sein Meisterwerk „Hundert Jahre Einsamkeit“ verfasste (um 1961-67).

Gabriel García Marquéz (Quelle: © Jose Lara)

„Hundert Jahre Einsamkeit“

Mit dem Erscheinen von „Hundert Jahre Einsamkeit” (1967) wurde García Marquéz weltweit berühmt. Allein in der ersten Woche wurden 8000 Exemplare des Romans verkauft. Es wurde bis heute in mehr als 24 Sprachen übersetzt und gewann vier wichtige internationale Literaturpreise wie den „El premio Rómulo Gallegos“ oder den „The Neustadt International Prize for Literature“. García Márquez schildert in seinem Werk „Hundert Jahre Einsamkeit“ die Geschichte von Macondo, einem mythischen Dorf, das eine Metapher für ganz Kolumbien, unsere Geschichte, unser Volk sowie unseren Aberglauben darstellt. Nach dem großen Erfolg und weiteren Jahren literarischer Tätigkeit bekam García Marquéz 1982 schließlich den Nobelpreis für Literatur. Jedoch waren diese Jahre nicht nur durch Erfolg geprägt. Schon in früheren Jahren hatte García Marquéz Probleme aufgrund seiner Freundschaft mit Fidel Castro und seiner politischen Einstellung. So wurde er 1981 unter anderem beschuldigt, die kolumbianische Guerrilla-Gruppe M19 unterstützt zu haben, weshalb er vom kolumbianischen Präsidenten des Landes verwiesen wurde. Sein Exil blieb bis an sein Lebensende Mexiko – bis heute ist die unterstellte Unterstützung der Guerilleros übrigens nicht bewiesen. Ein Visum für die USA erhielt García Marquéz übrigens auch erst wieder unter der Regierung Clinton. Präsident Bill Clintons Lieblingsbuch ist „Hundert Jahre Einsamkeit“, was die „diplomatischen Beziehungen“ zwischen dem Schriftsteller und der Supermacht offenbar entscheidend verbesserte.

García Marquéz´ Werk und die Bedeutung für uns Kolumbianer

García Marquéz ist der wichtigste Vertreter des „Magischen Realismus“. Seine Werke erzählen über die Geschichte Kolumbiens und unser alltägliches Leben. Hier finden sich alle Gegensätze die Kolumbien prägen. Die Figuren seiner Werke und ihre übernatürlichen Erlebnisse erinnern an unsere Nachbarn, Arbeitskollegen oder an den Aberglauben, der für viele Kolumbianer von großer Bedeutung ist. Eben an ganz alltägliche Situationen. Diese Nähe zu unserem Volk und dessen liebevoller Schilderung in literarischer Art und Weise machte Gabo zu einem ganz besonderen Menschen für uns Kolumbianer – und dank seines Schaffens wird er das auch weiterhin bleiben.

Unser Nobelpreisträger Gabriel García Marquéz verstarb am 17. April 2014. Durch sein Werk werden unsere Kinder also Macondo – jenes mythische und zunächst so gute Land, das wir als Emigranten unseren Kindern nur durch Erzählungen und flüchtige Besuche in Kolumbien näher bringen könnten – kennenlernen. Danke lieber Gabo dafür, dass du uns deine unendlichen Worte geschenkt hast!

Hier ist eine Liste von García Marquéz´ Werken:

•    La Hojarasca, “Laubsturm” (Roman, 1955)
•    Relato de un náufrago, „Bericht eines Schiffbrüchigen“ (Reportage, 1955, dt. 1982)
•    Un día después del sábado, “Ein Tag nach dem Samstag” (Roman, 1955)
•    El coronel no tiene quien le escriba, „Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt“ (Roman, 1961)
•    La mala hora, „Unter dem Stern des Bösen“ (Roman, 1961) (auch erschienen unter dem Titel „Die böse Stunde“)
•    Los funerales de la Mamá Grande, „Das Leichenbegängnis der Großen Mama“ (Erzählungen, 1962, dt. 1974)
•    Cien años de soledad, „Hundert Jahre Einsamkeit“ (Roman, 1967, dt. 1970)
•    Monólogo de Isabel viendo llover en Macondo (Roman, 1968)
•    La increíble y triste historia de la cándida Eréndida y de su abuela desalmada, „Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Eréndira und ihrer herzlosen Großmutter” (Kurzgeschichte, 1972)
•    Cuando era feliz e indocumentado (Roman, 1973)
•    Augen eines blauen Hundes: frühe Erzählungen (Erzählungen, 1974)
•    El otoño del patriarca,  “Der Herbst des Patriarchen” (Roman, 1975, dt. 1978)
•    Todos los cuentos (1947–1972) (Erzählungen, 1976)
•    Crónica de una muerte anunciada, “Chronik eines angekündigten Todes” (Roman, 1981, dt. 1981)
•    Textos costeños (Erzählungen, 1981)
•    ¡Viva Sandino!, „Die Geiselnahme“ (Drehbuch, 1982)
•    El olor de la guayaba, “Der Geruch der Guayave“ (Gespräch, 1982)
•    El secuestro (Roman, 1982)
•    El asalto: el operativo con el que el FSLN se lanzó al mundo (Roman, 1983)
•    Erendira (Erzählung, 1983)
•    La aventura de Miguel Littín clandestino en Chile, “Das Abenteuer des Miguel Littín – Illegal in Chile” (Reportage, 1986)
•    El amor en los tiempos del cólera, “Die Liebe in den Zeiten der Cholera” (Roman, 1985, dt. 1987)
•    El general en su laberinto, “Der General in seinem Labyrinth” (Roman, 1989)
•    Doce cuentos peregrinos, „ Zwölf Geschichten aus der Fremde“ (1992)
•    Diatriba de amor contra un hombre sentado (Theaterstück, 1994)
•    Del amor y otros demonios, “Von der Liebe und anderen Dämonen“ (Roman, 1994)
•    Noticia de un secuestro, “Nachricht von einer Entführung“ (Reportage, 1996)
•    Obra periodística 1: Textos costeños (1948–1952)
•    Obra periodística 2: Entre cachacos (1954–1955)
•    Obra periodística 3: De Europa y América (1955–1960)
•    Obra periodística 4: Por la libre (1974–1995)
•    Obra periodística 5: Notas de prensa (1980–1984)
•    Vivir para contarla, „Leben, um davon zu erzählen“ (Autobiografie, 2002)
•    Memoria de mis putas tristes, “Erinnerung an meine traurigen Huren“, (Roman 2004)
•    Das Licht ist wie das Wasser – Geschichten von der Liebe und anderen Dingen (Erzählungen 2006)