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Nicolás Gómez Dávila: Der kolumbianische Nach-Denker

Vor 20 Jahren starb der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila. Er bezeichnete sich als reaktionär, hat uns heute aber mehr zu sagen als die Talkshow-erfahrenen Lösungsfinder.

Die klassische Logik orientiert sich an zwei Werten: „wahr“ und „falsch“.

Mehr sagen als die „Wahr“-Sager

Unser aller Leben, auch das gesellschaftliche, spielt sich aber zwischen diesen beiden Werten ab. Probleme, die daraus entstehen, sind für uns viel zu komplex, als dass wir sie mit den Kategorien „wahr“ oder „falsch“ bestimmen könnten. Teilweise widersprechen sich lebensweltliche Fakten und das tun auch die Menschen, die sich damit beschäftigen. Dumm nur, wenn einige Leute ihre Aussagen über lebensweltliche Probleme allein für wahr halten und sich nicht eingestehen wollen, dass diese „Wahr“-Sagerei ins Leere oder zu endlosen Debatten führt, Scheinlösungen inbegriffen. Diese „Dummheit“ durchschaute der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila. Deshalb hat er uns heute mehr zu sagen als die vielen „Wahr“-Sager in den Diskussionsrunden, obwohl er sich selbst als Reaktionär bezeichnete. Er schrieb dazu: „Reaktionär sein heißt, nicht an bestimmte Lösungen glauben, sondern ein scharfes Gespür für die Komplexität der Probleme haben.“

Das Leben des „kolumbianischen Nietzsche“

Geboren wurde Nicolás Gómez Dávila am 18. Mai 1913 in Bogotá. Er stammte aus einer Familie von Textilhändlern und verbrachte seine Schulzeit in Europa, v.a. in Frankreich, wo er eine humanistische Bildung erhielt und sich etliche Sprachen aneignete. Als junger Erwachsener kehrte Dávila nach Bogotá zurück. Dort lebte er zusammen mit seiner Familie zurückgezogen als Privatgelehrter. Dávila starb am 17. Mai 1994 in Bogotá. Er bemühte sich nie darum, seine Schriften zu veröffentlichen. Erst auf Drängen des Wiener Verlegers Peter Weiß erschien Dávilas Werk in deutscher Übersetzung. Bekanntheit erlangt der kolumbianische Philosoph seit Jahren im deutschsprachigen Raum, weil sich Schriftsteller wie Botho Strauß und Martin Mosebach öffentlich mit seinen Gedanken auseinandersetzen.

Aphorismen als Götterfunken?

Nicolas Gomez DavilaNicolas Gómez Dávila erkannte, dass es für uns unmöglich ist, das Leben in seiner Gesamtheit zu begreifen. Deshalb können wir entweder darüber schweigen oder die kleinen Funken Ahnung, die wir in uns tragen, in irgendeiner Weise am Leben halten. Der kolumbianische Philosoph entschied sich für Letzteres und goss seine Gedanken in prägnante Sätze, die Aphorismen. Diese stellten für ihn Bruchstücke einer Weltsicht dar. Über ein schlüssiges Weltbild verfüge nur Gott, so Davila. Sein Denken kreiste um Themen wie Existenz, Moderne, Politik, Philosophie, Gesellschaft und viele mehr. Hier ein paar von Gómez Dávilas Aphorismen:

Nichts ist dümmer, als die Dummheit zu verachten, während wir uns um ihren Applaus bemühen.

Nur wir selbst können die Wunden vergiften, die uns zugefügt werden.

Die Schlaflosigkeit einer Gesellschaft in der Trance ständiger Innovation verblödet sie am Ende.

Die Menschen kommen mit einer von Tag zu Tag größer werdenden Fähigkeit zur Welt, sich perfekt in die Statistiken einzufügen.

In der modernen Gesellschaft gleichen die Individuen einander täglich mehr – und täglich haben sie miteinander weniger zu tun. Identische Monaden, die sich mit blindwütigem Individualismus gegenübertreten.

Heute kann man jedes Individuum in Verruf bringen, indem man ihm eine Tugend unterstellt.

Die sterbenden Gesellschaften häufen Gesetze an wie die Sterbenden Heilmittel.

Was lässt sich lernen von Nicolás Gómez Dávila

Wir können nichts End-gültiges über lebensweltliche Themen sagen. Deshalb werden wir z.B. in Diskussionen über gesellschaftliche oder politische Probleme nie zu einer Übereinstimmung kommen. Wir überblicken in der Regel nicht, wie komplex das Diskutierte wirklich ist. Stattdessen nehmen wir unseren Standpunkt ein und halten ihn oft von vornherein für wahr. Danach suchen wir nach Argumenten und Daten, die unsere Meinung und (Vor-)Urteile untermauern. Unserem Gegenüber geht es genauso. Nicht selten hält jeder den Standpunkt des anderen für falsch, weil der eigene ja allein die Wahrheit darstellt. Dabei können sogar beide Standpunkte richtig sein und sich doch widersprechen. Es ist dann so, als ob viele einen Gegenstand von je einer Seite betrachten und jeder nur seine Sichtweise für wahr hält, weil er die anderen Seiten nicht sieht oder wahr-haben will. Da wir von unserem Standpunkt ungern abrücken, u.a. weil unser Ego daran hängt, öden Diskussionen oft alle Beteiligten nach kurzer Zeit an. Explosiv wird es, wenn Leute wie z.B. Thilo Sarrazin ihre brisante Sichtweise als wahr darstellen und diese mit einer Menge von Statistiken zu begründen versuchen. Was diese Leute, aber auch ihre Gegner, für wahr halten, gibt höchstens Tendenzen wieder. Endgültig Wahres lässt sich durch Statistiken, die auf Wahr-schein-lichkeiten basieren, und durch Argumente nicht belegen, da sie nur einen Teil unserer Lebenswelt berücksichtigen. Gleichzeitig blenden sie Relevantes aus, das ihrem Standpunkt widerspricht. Wenn wir einer solchen Tendenz folgen, dann oft deswegen, weil sie unsere Sichtweise wiedergibt. Das sagt mehr über uns aus als über das, was geäußert wurde. Nichts überzeugt uns mehr als unser eigenes Bild, wir suchen nur nach einem Spiegel dafür.

Unserem eigenen Standpunkt entkommen wir nicht. Wir können ihn ändern, aber niemals aufgeben. Das schaffte auch Dávila nicht und deshalb bleiben seine Aphorismen ein Werk mit Tendenzen, allerdings eines, das zum Nachdenken über den eigenen Standpunkt anregt. Dass nicht jeder dieses Angebot in Anspruch nehmen wird, ist klar. Dávila war so weise, das zu wissen: „Der erste Schritt der Weisheit besteht darin, fröhlich zuzugeben, dass es keinen Grund gibt, dass unsere Ideen irgendjemanden interessieren könnten.“

Hier eine Liste deutschsprachiger Bücher von Nicolás Gómez Dávila:

Einsamkeiten. Glossen und Text in einem. Karolinger, Wien 1987

Auf verlorenem Posten. Neue Scholien zu einem inbegriffenen Text. Karolinger, Wien 1992

Aufzeichnungen des Besiegten. Fortgesetzte Scholien zu einem inbegriffenen Text. Karolinger, Wien 1994

Texte und andere Aufsätze. Karolinger, Wien 2003

Notas. Unzeitgemäße Gedanken. Matthes & Seitz, Berlin 2005

Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten. Ausgewählte Sprengsätze, Eichborn, Frankfurt 2006

Scholien. Karolinger, Wien 2006

Es genügt, dass die Schönheit unseren Überdruss streift … Aphorismen, Ausw. u. Hrsg.: Michael Klonovsky, Reclam, Stuttgart 2007