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Schmerzliche Kritik – Lesivos Botschaften an Bogotás Wänden

Lesivo ist einer der aktivsten Street Art-Künstler in der ohnehin großen Sprayer-Szene Bogotás. Wir haben den Künstler in seinem Atelier getroffen und mit ihm über seine Graffitis und den aktuellen Wandel in seinem Heimatland Kolumbien gesprochen.

Lesivo, du wurdest sicherlich nicht als Street Artist geboren, woher stammst du und wie kamst du zur Kunst?
Ich komme hier aus Bogota, wurde hier geboren. All meine Neugier für die Street Art hat sich dann an der Uni entwickelt. Dort gab es damals einen regelrechten Boom an alternativen Publikationen und unabhängiger Kunst. Ich habe zu dieser Zeit Sozialwissenschaften studiert und hatte dort die Möglichkeit, alternative Ausdrucksweisen und Kommunikationsmöglichkeiten kennenzulernen. Ich fand es faszinierend, wie Kommunikation auf der Straße und im öffentlichen Raum funktioniert und ich bemerkte, dass sich Wände hervorragend eignen, um Botschaften zu hinterlassen.

Was bedeutet dein Name, Lesivo?
Mein Name kommt vom Wort „lesionar“, was so viel bedeutet wie wehtun. Lesivo ist also etwas das weh tut. Dieses Wortspiel gefällt mir und es funktioniert in verschiedenen Kontexten, kann sowohl als körperlicher Schmerz oder als schmerzliche Kritik empfunden werden. Letztlich darf sich jeder sein eigenes Bild davon machen.

Nun sind Street Art oder Graffiti ja kein klassisches Unterrichtsfach. Wie hast du diese Kunstform erlernt?
Die meisten Künstler sind genau wie ich Autodidakten. Da hat jeder seine eigene Schule durchlaufen. Gerade hier in Bogotá kann man sich relativ frei entwickeln und Erfahrungen sammeln. Uns stehen hier – auch durch die zunehmende Modernisierung der Stadt – so viele Flächen zur Verfügung, dass jeder experimentieren und so seinen Stil und seine Ausdrucksweise herausbilden kann.

Was ist der Vorteil, Mauern und Wände für Kunst und zugehörige Botschaften zu nutzen?
In Kolumbien gibt es nach wie vor sehr viel Lobbyismus. Unter anderem auch in der Medienbranche, die hier von drei großen Industrieunternehmen gesteuert wird. Die Möglichkeit, herkömmliche Medien, also Radio, Zeitungen oder Fernsehen für objektive Botschaften zu nutzen, gibt es fast nicht. Schon früh habe ich aber gemerkt, dass man auf unsere Art viele Leute mit geringen finanziellen Mitteln  erreichen kann: Weniger als 500 Pesos (umgerechnet etwa 20 Cent, Anm. v. RnK) kostet es, eine Schablone zu machen. Dennoch erreichen wir mit unseren Botschaften bis zu 500.000 Leute an einem Tag. Das zeigte uns, wie man auch ohne Geld Eindruck hinterlassen kann.

Welche Botschaften möchtest du in deinen Werken denn zum Ausdruck bringen?
Die Inhalte sind uns sehr wichtig. Toxicómano, Guache, DJLU – meine engsten Vertrauten – und ich arbeiten dabei häufig zusammen und versuchen, uns nicht auf ein einziges Thema zu fokussieren. Dafür gibt es viel zu viel anzusprechen, zu kritisieren. Zunächst suchen wir uns immer ein Grundthema, um das dann detailliertere Ideen gesponnen werden. Ein solches Basisthema kann zum Beispiel die Umwelt sein, deren Verschmutzung und Ausbeutung. Oder aber Militär und Krieg, oder die Popkultur und deren Protagonisten. Dann versucht jeder von uns, seine eigenen Ideen einzubringen und diese mit seinen eigenen Stilmitteln umzusetzen. Unser Ziel ist in der Tat, dass die Mauern objektive Botschaften tragen. Das gelingt natürlich nicht immer, aber genau daran arbeiten wir stetig.

Deine Werke beinhalten starke Kontraste. So sprühst du häufig ein kleines Mädchen mit Sprengstoff in der Hand. Was steckt hinter diesem Motiv?
Dieses Motiv basiert auf dem Kampf der Regierung Uribes gegen die FARC-Guerilleros, der mit abscheulichen Mitteln geführt wurde. Es geht dabei um den „Falsos Positivos“-Skandal, der hier vor einigen Jahren ans Licht kam. Damals wurden in ländlichen Gebieten Kolumbiens wahllos Zivilpersonen von offiziellen Militärs getötet, hinterher in Uniformen gesteckt und als gefallene Guerilla-Kämpfer dargestellt. Das hat über 3.000 Unschuldige ihr Leben gekostet, darunter eben auch zahlreiche Kinder und Jugendliche. Die Soldaten der kolumbianischen Armee wurden vom Verteidigungsministerium sogar belobigt und umso reicher belohnt, je mehr dieser angeblichen Guerilleros sie getötet hatten. Damit war diese Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung sozusagen legitimiert. Jung zu sein bedeutete zu dieser Zeit auch, verdächtig zu sein. Uribes Motto war: Wer nicht hören will muss fühlen. Für uns ist es gewissermaßen unvermeidlich, so etwas anzuprangern und zu thematisieren.

Street Art hat aber auch einen großen Nachteil: Sie ist sehr vergänglich. Die Bilder und Botschaften bleiben ja nicht für immer an den Wänden…
Ja, ein Bild an einer Wand kann eine Lebensdauer von zwei Tagen bis zwei Jahren haben, mit Glück vielleicht länger. Dieser Wandel ist wesentlicher Bestandteil der Street Art. Aber Bogotá hat so viele Wände und es kommen täglich welche hinzu. Es gibt also immer etwas zu tun für uns.

Was macht Bogotá, abgesehen von den vielen Flächen, so speziell für diese Kunstform?
Ich denke es ist der enorme Wandel, den die Stadt – wie das gesamte Land – in sehr kurzer Zeit erlebt hat. Vor allem in kultureller und sozialer Hinsicht. Es gibt nun viele öffentliche Einrichtungen, die das Leben hier sicherer und lebenswerter machen. Aber die Entwicklung verlief nicht gleichförmig. In einigen Ecken Bogotás ist es nach wie vor gefährlich, in anderen hingegen sehr ruhig. Es gibt Orte, da kann man nachts um drei unbehelligt herumlaufen, an anderen hingegen sollte man selbst mittags um drei sehr vorsichtig sein oder gar nicht erst hingehen. Und das steht sinnbildlich für das gesamte Land.

Haben sich denn die Bewohner schon an die Street Art gewöhnt?
Im Laufe der vergangenen 10 Jahre, ja. Je mehr Street Art, desto mehr gewöhnen sich die Leute daran. 2006 haben wir eine Woche lang ein Graffiti-Festival veranstaltet. Damals haben 100 Sprüher tagsüber Wände bemalt. Das hat dem Ganzen einen legaleren Charakter verliehen, hat die Street Art hier in Bogotá ein wenig aus der kriminellen Ecke geholt und für viel Akzeptanz unter den Bewohnern gesorgt.

Könnt ihr Künstler denn von eurer Kunst leben?
Sagen wir so: Ich kann damit überleben. Aber wir haben alle eine zweite Beschäftigung gefunden, aufgrund unserer verschiedenen Stile haben sich auch unterschiedliche Wege entwickelt, wie wir unseren eigentlichen Unterhalt verdienen. Da hat jeder seine eigene Strategie. Manche sind Fotografen, andere Lehrer und ich beispielsweise bin Grafikdesigner.

Du hast auch einen Graffiti-Laden mit drei deiner Kollegen eröffnet…
Ja, eine weitere Idee von uns, um zu überleben. Den Laden betreibe ich gemeinsam mit Guache, DJLU und den Jungs von Toxicómano. Dadurch finanzieren wir auch einige unserer Projekte. In unserem Laden versuchen wir, verschiedenste Produkte mit unseren Motiven an den Mann zu bringen. Zudem haben wir ein Buch veröffentlicht. Das sind schöne Projekte, es macht Spaß, dort ebenfalls mit den Kollegen zusammenzuarbeiten. Nach zehn Jahren haben sich echte Freundschaften und eben auch Arbeitskreise unter uns Künstlern entwickelt.

Ihr arbeitet inzwischen sogar mit dem Bürgermeister bzw. der Stadt Bogotá zusammen. Es scheint, als sei das Sprühen auf dem Weg zur Legalität in Bogotá…
Das Rathaus hat in jüngster Vergangenheit tatsächlich verschiedene Street Art-Programme finanziert. Eigentlich eine gute Sache, das einzige Problem dabei ist aber, dass diese Programme nicht langfristig genug sind. Das hängt auch damit zusammen, dass hier spätestens nach vier Jahren ein neuer Bürgermeister im Amt ist und neue Ideen mitbringt. Eine zweite Amtszeit gibt es hier ja nicht und so werden viele Projekte gar nicht zu Ende gebracht. Wenn die Kooperationen auf lange Sicht angelegt wären, könnte man auch Nachwuchs ins Boot holen, nachhaltige Street Art-Projekte für Jugendliche durchführen. Das wäre auch aus sozialen Gründen interessant, schließlich könnte man einigen Jugendlichen damit eine Perspektive bieten, sie gewissermaßen mit der Straßenkunst von der Straße holen.

Jetzt ist Bogotá trotz allen Wandels zum Positiven noch kein Paradies. Es gibt leider nach wie vor Probleme wie Armut, die auch zu Kriminalität und Gewalt führen. Was sind denn die größten Gefahren für einen urbanen Künstler?
Da hat sich ebenfalls viel getan in den letzten Jahren. Vor allem in gesetzlicher Hinsicht ist die Lage wesentlich entspannter geworden. Allerdings hat das auch einen sehr traurigen Hintergrund: Vor drei Jahren wurde der 16-jährige Tripido von der Polizei erschossen. Er sprühte nachts eine Mauer mit Freunden. Als die Polizei plötzlich kam rannte er weg. Der Polizist hatte ein schlimmeres Verbrechen vermutet und dem fliehenden Jungen in den Rücken geschossen. Nach Tripidos Tod wurden die Verbote und der strenge Umgang mit Graffiti-Künstlern gelockert, nach wie vor gibt es aber Regeln. Zum Beispiel dürfen wir natürlich keinen Privatbesitz beschädigen, das verstößt auch weiterhin gegen das Gesetz und gilt als Vandalismus. Dazu gibt es in Bogotá Unmengen an privaten Sicherheitsleuten viel Polizei, die öffentliche Einrichtungen bewachen. Aber diese Risiken einzugehen und ein Werk trotzdem zu vollenden, das gehört zum Graffiti dazu, ist Teil der Kunst und befriedigt in gewissem Sinne auch. Nach Tripidos Tod fühlen aber auch wir uns sicherer, wenn wir tagsüber sprühen.

Wie viel Zeit hast du wegen Vandalismus im Gefängnis verbracht?
Wegen Vandalismus war ich noch nie im Knast. Es ist einfacher, hier wegen Drogenkonsum oder Alkoholmissbrauch im Arrest zu landen, als wegen Graffiti. Das Schlimmste war, als die Polizei mich und einen Freund beim Sticker kleben erwischt hat. Sie haben uns damals mit Handschellen an die Gepäckvorrichtung ihres Motorrades gefesselt und wir sollten so lange rennen, bis wir uns übergeben. Nach ein paar Minuten haben wir so getan, als ob wir kotzen, dann haben sie uns wieder laufen lassen.

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Lesivos Werk (ganz rechts) an der Calle 26

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