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Sicher ist sicher? – Eine Relativitätstheorie der Unsicherheit

Wer fühlt sich wohl in einem Land, in dem Leute auf offener Straße erschossen werden? Wer will dort leben, wo (Einfluss)Reiche Angst vor Entführungen haben müssen und Intellektuelle mit Mördern sympathisieren? Keiner?

Und doch haben viele Deutsche den RAF-Terror so erlebt.

Ein Schreckensszenario, das Berichten über Kolumbien ähnelt. Ein Schreckensszenario, das an Intensität gewinnt, wenn ich „Der Baader-Meinhof-Komplex“ lese und einen „herbstlichen“ Ausschnitt meines Landes gezeigt bekomme. Dass die RAF nicht täglich und auch nicht in ganz Deutschland terroristisch tätig war, übersehe ich dabei leicht, weil ich die Zeit nicht miterlebt habe.

Wie die meisten Menschen habe ich ein Bedürfnis nach Sicherheit, nach Ordnung im Chaos. Vor allem in Deutschland wähne ich mich in Sicherheit. Doch nirgends wird es jemals ganz sicher sein, wie das Beispiel der RAF zeigt. Sicherheit ist folglich keine Tatsache. Sicherheit ist ein subjektives Gefühl.

Tatsächlich gibt es nur unterschiedliche Grade von Unsicherheit. Sicher ist dieser Grad an Unsicherheit in Kolumbien höher als in Deutschland. Aber sicher ist für mich auch, dass keiner diese Unsicherheit in Kolumbien verallgemeinern darf. Die RAF war nicht ganz Deutschland, so wie die FARC und Co. nicht für ganz Kolumbien stehen. Ach ja, und Pablo Escobar ist auch schon seit einiger Zeit tot, sozusagen Schnee von gestern.

Ich war in Kolumbien, mein deutscher Schwager war da, ein paar von meinen deutschen Bekannten waren da. Einige von uns sehen wahrscheinlich aus wie potenzielle Entführungsopfer, einige – wie ich Ignorant – sprechen nur schlecht Spanisch. Und doch haben wir alle unsere Reise ohne negative Vorkommnisse (üb)erlebt. Natürlich haben wir nicht die gefährlichsten Regionen aufgesucht. Sicher kam vielen von uns zugute, dass wir mit Einheimischen unterwegs waren, die die Risiken im Land kennen. So habe ich mich in manchen Situationen sogar zu sicher gefühlt. Vorsichtshalber hat mich deswegen immer ein Einheimischer zur Räson gerufen.

Ich will die Gefahr auf keinen Fall leugnen oder herunterspielen, auch wenn ich sie nicht am eigenen Leib erlebt habe – wie bereits geschrieben, ist Sicherheit ein subjektives Gefühl. Meins war während der Reise allerdings durchweg positiv. Bei unseren Touren durch Bogotá, Boyacá, Santa Marta, San Andrés etc. lernte ich Land und Leute ein bisschen kennen.

Was bleibt, ist der Eindruck von Friede, Freude, Freundlichkeit. Statt Eierkuchen gab‘s Deftiges im „Palacio del Colesterol“.

Was ist Kolumbien für mich? Am ehesten „ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht“. Der große Wille scheint zu erwachen. Das hat bereits dazu geführt, dass das Land auf der Risk Map, mittlerweile nicht mehr mit hohem sondern mittlerem Sicherheitsrisiko eingestuft wird. Kolumbien befindet sich damit auf der gleichen Risikostufe wie z.B. Peru und wird zurzeit als ungefährlicher eingestuft als Mexiko. Ich weiß, dass das kein objektives Kriterium ist, um die Gefährlichkeit von Ländern zu ermitteln oder zu vergleichen. Eine Tendenz gibt die Risk Map meiner Meinung nach aber wieder.
Wenn ich mich mit meinen Freunden unterhalte, sind einige von ihnen gerne bereit nach Peru oder Mexiko zu reisen. Ein paar haben das schon getan. Vor einem Aufenthalt in Kolumbien schrecken sie allerdings zurück. Warum? Kolumbien verfügt nicht über die Touristenattraktion Machu Picchu (Peru) oder die Pyramiden von Teotihuacan (Mexiko). Was ist aber gegen nahezu unberührte Natur, eine der schönsten Vegetationen der Welt und äußerst attraktive Kolonialstädte im Land von Gabriel García Márquez und „Juan Valdez“ einzuwenden?

 

Keiner sollte die ganze Zeit mit der Angst im Gepäck reisen. Wenn ich Angst habe, fühle ich mich auch da unsicher, wo es angeblich sicher ist. In Kolumbien fühlte ich mich sicher, auch wenn die Medien oft nur das Negative berichten. Für mich ist deshalb nicht die Gefahr, sondern die Angst vor der Gefahr der wirkliche Gegenspieler der „Sicherheit“. Wer denkt, dass hinter jeder Ecke Bewaffnete lauern, ist vielleicht selbst „bis an die Zähne bewaffnet mit Angst“?