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Sophias Kolumbien

Mir hat einmal jemand gesagt, dass in Kolumbien die lebenslustigsten und herzlichsten Menschen auf der Welt leben. Ich hab es nicht geglaubt – bis ich dort gewesen bin!

Kolumbien ist ein Land, das viele Menschen mit Drogen, Guerilla und Armut verbinden, weil diese drei Aspekte vordergründig von den hiesigen Medien vermittelt werden. Doch muss man sich an dieser Stelle nicht fragen, ob diese Medien ein objektives und vor allem repräsentatives Bild darstellen, um einen Überblick von einem Land in seiner Gesamtheit zu geben? Reichen die Nachrichten über das dramatische Passierte aus, um ein Land mit all seinen Facetten darzustellen? Ich beantworte diese Frage mit einem ganz großen Nein.

Sophia in Cartagena

Im Herbst 2013 habe ich mich entschieden, die kolumbianische Kultur ein halbes Jahr lang auf eigenständige Art und Weise zu erforschen, zu hinterfragen und diese vor allem nicht nur erleben zu wollen, sondern ein Teil davon zu werden. Dieser Entwicklungsprozess und die Vorbereitung meiner Reise waren von vielen Höhen und Tiefen geprägt. Von einigen (wenigen) Personen meines sozialen Umfeldes bekam ich sogleich Zustimmung für mein Vorhaben. Die Mehrheit jedoch konnte nicht verstehen, warum ich in ein Land fahren wollte, welches die „Welt“ derart kritisch betrachtet.

Bis zuletzt bekam ich, auch wenn meine Entscheidung schließlich weitgehend akzeptiert wurde, von vielen nicht die volle Unterstützung. Doch ich blieb bei meiner Meinung, konnte mir nicht vorstellen, dass der einseitige und dadurch durchaus beschränkte Blick der Medien und der westlichen Gesellschaft das Land Kolumbien in seiner Vielfalt widerspiegeln kann. Dort wohnen Menschen, die ihre eigenen Geschichten, Gewohnheiten und Weisheiten haben und damit meiner Meinung nach den größten Teil darstellen, den das Land ausmacht. Nun war es an der Zeit, mich zu fragen, was ich eigentlich genau von meiner Reise nach Kolumbien erwartete. Innerhalb wochenlanger Denkprozesse verdeutlichte sich immer mehr ein Leitprinzip: Eine andere Normalität leben. Ich wollte weg von meinem eigenen einseitigen deutschen subjektiven Blick auf die Welt und meine Perspektivfähigkeit und Sichtweisen durch das Leben in einer anderen Normalität öffnen und erweitern. Mit diesem einzigen Prinzip begann ich meine Reise in die unbekannten Welten von Kolumbien und ließ mich von dem, was mich erwartete, leiten.

Sophias Stationen in Kolumbien

Die ersten echten kolumbianischen Berührungspunkte ergaben sich schon am Flughafen in Bogotá. Durch meine Recherche über das Land hatte ich eine Familie kennengelernt, deren Mutter in Kolumbien lebt und bei der ich mir den ersten Monat ein Zimmer mietete. Das gab mir unglaublich viel Sicherheit. Blanca erwartete mich voller Aufregung am Flughafen und freute sich riesig über mein Kommen. Ich, emotional gerührt, voller Adrenalin und müde vom Flug, konnte es nicht gar glauben, so unglaublich herzlich von jemandem empfangen zu werden, der einem eigentlich fremd ist. Wie ist so etwas nur möglich? Wie kann sich Fremde nur so nah anfühlen?

Ein und dieselbe Wüste – Die Desierto de la Tatacoa. Einmal in rot, einmal in grau.

Blanca gab mir sofort das Gefühl, willkommen zu sein und zeigte mir das Leben Bogotás in jeglicher Hinsicht. Ich sprach nur Spanisch, aß ausschließlich typische Gerichte und durchlebte kolumbianischen Alltag. Es war das Beste, was mir passieren konnte. Mein erster Eindruck von Bogota war: lebendig, voll, groß – Überforderung. Wie konnte ich mich in dieser Welt voller Bewegung nur zurechtfinden? Wie erfasste ich nur den Ansatz einer sozialen Struktur?

Glücklicherweise hatte ich im Vorfeld auch Kontakt zu einem Professor an der Universidad Nacional geknüpft, den ich besuchte und mit dem ich eine Anzeige für ein Sprachtandem verfasste, um ein Gefühl für die Sprache zu bekommen. Das war das Zweitbeste, was ich machen konnte und was ich nur jedem jungen Reisenden empfehlen kann. Auf meine Anzeige hin meldeten sich unglaublich viele Studenten, die ein wenig Deutsch lernen wollten und über die sich für mich sehr schnell ein soziales Umfeld entwickelte. Durch diese beiden Handlungen hatte ich im ersten Monat meiner Reise keinerlei Begegnungen und Kontakte mit anderen Touristen oder Reisenden, was für mich eine grundlegende Voraussetzung für das Leben einer Normalität überhaupt darstellt.

Ciudad Perdida – Die verlorene Stadt

Trotzdem besteht eine Kultur natürlich aus allen dazugehörigen Menschen und Orten, die in ihrer Vielfalt ein Ganzes bilden. Also machte ich mich nach einem Monat in der verrückten Hauptstadt auf den Weg, um mich vom Rest Kolumbiens faszinieren zu lassen. Da ich mein soziales Umfeld mit einer Art Skepsis zurückgelassen und in der ersten Zeit auch keine Touristen gesehen hatte, war ich nicht darauf vorbereitet, wie viele Menschen sich aus allen Ländern der Welt in den Hostels Kolumbiens tummelten. Den Reaktionen der Menschen nach zu urteilen, die von meiner Reise wussten, vermutete ich, dass ich die Einzige wäre, die dieses wunderbare Land erkunden wollte. So kann man sich täuschen. Überall rasteten Reisende voller Abenteuer- und Entdeckungslust auf dem Weg zu ihrem Ziel. An dieser Stelle komme ich zu einem weiteren, mir nicht minder wichtigen, Punkt. Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich nicht lieber gemeinsam mit einem Freund reisen sollte, um der Gefahr entgegenzuwirken, alleine sein zu müssen. Völliger Quatsch. Wenn ich mich über einen längeren Zeitraum in einer Gruppe aufgehalten habe, war ich öfters allein und abseits dieser Gruppe unterwegs, als wenn ich allein gereist bin. Meiner Meinung lässt sich das darauf zurückführen, dass alle Beteiligten sich dann ausschließlich in dieser Gruppe aufhielten und meine Bereitschaft, neue Menschen kennenzulernen, dadurch nicht mehr sonderlich groß war. Dabei sind sowohl die Kolumbianer als auch die Reisenden, deren Bekanntschaft ich gemacht habe, derartig kontaktfreudig, dass man schon bestimmt sein muss, wenn man seine Ruhe haben möchte.

Jeder Tag in Kolumbien war für mich wie eine große Überraschung voller neuer Begegnungen, Lebensgeschichten und Erkenntnissen. Die schönsten Momente waren kleine Begegnungen auf der Straße, die mich zum Schmunzeln brachten. Ein grundlegender Unterschied zu Deutschland besteht in der kolumbianischen Mentalität, die permanent präsent ist. Das Selbstverständnis von Hilfsbereitschaft, von Zeit und von Lebensführung ist ein ganz anderes. Während in Deutschland ein jeder seiner Tagesplanung folgt, Termine eigentlich erst nächste Woche frei hat und somit alle aneinander vorbei leben, gibt es in Kolumbien nicht diese strikte Alltagsplanung, die unter allen Umständen einzuhalten ist. Nicht nur einmal ist es mir passiert, dass ich nach dem Weg gefragt habe und daraufhin gleich zu meinem Ziel begleitet wurde – damit ich mich nicht noch einmal verirrte. Manchmal versammelte sich auch eine kleine Menschenmenge, die wild darüber diskutierte, welcher Weg der geeignetste wäre. Wenn das mal nicht volle Hingabe für eine einfache Wegempfehlung ist. Jeder ist offen für Fragen und hilft gerne. Trotzdem muss man manchmal aufpassen, denn die Eigenschaft der Kolumbianer, sehr redfreudig zu sein, kann auch dazu führen, dass sie lieber irgendetwas sagen, bevor sie zugeben müssten, dass sie es nicht wissen. Warum auch immer. Das einzige, das dabei helfen kann, sind eine Zweitmeinung einzuholen, Vertrauen und vor allem eine gute Menschenkenntnis.

Die Wüste am Punta Gallinas – Der nördlichste Punkt von Kolumbiens Festland

Gefallen hat mir auch, dass ein natürliches Grundinteresse an Neuem und Unbekannten gegenüber bemerkbar wurde, das mir in Deutschland ab und zu fehlt. Egal ob im Taxi, im Bus, auf der Straße, im Einkaufsladen, auf dem Markt oder sonst wo. Die Menschen in Kolumbien zeigen ehrliches Interesse an dem, wer man ist und was man macht. Daraus habe ich gelernt, dass man einen Menschen nicht gut kennen muss, um nett zu sein und vielleicht sogar ein erkenntnisreiches Gespräch führen zu können. Auch die damit verbundene Spontaneität machte sich überall bemerkbar. Einen gemachten Plan zu verändern oder komplett über den Haufen zu werfen, ist nichts Verwerfliches. Natürlich variieren die Bräuche, Gewohnheiten und Anwandlungen innerhalb des Landes von Region zu Region. Doch obwohl die Naturzustände in Kolumbien unglaublich unterschiedlich sind und ich mich bei meinen Ausflügen oft gefühlt habe, als wäre ich in ein komplett anderes Land gereist, fand ich diese Eigenschaften überall auf meiner Reise wieder.

Ein weiterer interessanter Punkt ist, dass noch viele unterschiedliche indigene Völker in Kolumbien existieren, die es sich auf jeden Fall lohnt, auf einer höchst respektvollen Ebene zu besuchen und in ihr Lebensweisen zu verstehen. Denn meiner Meinung nach ist es unter anderem die Aufgabe der Menschen, die heute in einer modernen Gesellschaft leben, sich an einige ursprüngliche Werte des Lebens und grundlegende Eigenschaften eines Miteinanders, wie Achtsamkeit, Gleichberechtigung und Sinnhaftigkeit zu erinnern und gleichzeitig einige neue Merkmale wie Konsumverhalten zu hinterfragen. Und obwohl natürlich nicht zu leugnen ist, dass es dort immer noch – wie in jedem anderen Land auch – soziale und politische Probleme gibt, ist Kolumbien für mich ein Land voller Leidenschaft, Lebensfreude und Faszination. Ein Land, das nicht nur erlebt werden sollte. Es lohnt sich, auch Teil dessen zu werden. Nach meiner gesamten Reise konnte ich mir deshalb nur eine zentrale Frage stellen, die ich bis heute allerdings nicht beantworten kann:

Wie kann jemand als Fremder kommen und mit dem Gefühl, einen Teil seiner Heimat zu verlassen, gehen?

Hier gibt es noch mehr von Sophias Reise zu sehen:

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Anm. der Redaktion:
Sophia meldete sich im November 2013 bei reise-nach-kolumbie.de, weil sie einen halbjährigen Aufenthalt in Kolumbien plante. Wir halfen ihr, so gut wir konnten und vor allem Blanca steht bis heute in engem Kontakt mit ihr.