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Ausländer rein, Rheinländer raus? – Über Fremdenfreundlichkeit

„Sie kommen als Fremder und gehen als Freund“, so lautet der Spruch über dem Eingang eines Regensburger Bordells.

Vor kurzem habe ich mich mit einem Freund unterhalten. Er wohnt seit einigen Monaten berufsbedingt mit seiner Familie in der Fremde in Wien. Er verdient gut, die Wohnung passt, zusammen mit seiner Frau erwarten sie das zweite Kind. Eigentlich ideale Bedingungen. Nur die Fremde macht seiner Frau zu schaffen. Da sie sich um ihr kleines Kind kümmert und gerade schwanger ist, hat sie den Sprung ins Berufsleben noch nicht geschafft. Ihr fehlen die Möglichkeiten, Kontakt zu knüpfen. Die Leute gehen auch nicht auf sie zu, ja, sie erscheinen ihr teils sogar als abweisend. Das sachliche Resümee meines Freundes: So fühlt es sich also an, wenn man Ausländer ist. Man muss dazu sagen, dass beide in Deutschland geboren sind. Auch wenn sich das wahrscheinlich bald ändern wird: Gemeinsame Sprache und ähnliche Kultur tragen vorerst nicht dazu bei, das Fremdsein zu überwinden.

Beziehungen sind nie einseitig

Das erinnert mich daran, wie mir einige Kolumbianer, die schon seit Jahren in Deutschland oder einem anderen Land leben, ihr Gefühl im Land schildern. Einigen geht es wie der Frau meines Freundes. Das ist vor allem dann schlimm, wenn diese Leute schon jahrelang im Ausland leben und nicht richtig wissen, wo sie hingehören. Sie haben sich ein Leben im fremden Land aufgebaut. Sie meistern die fremde Sprache, halten sich an die Gesetze und haben einen Job. Sie sind oberflächlich gut integriert. Ihnen fehlen jedoch die richtigen Anknüpfungspunkte und Kontakte, die ihnen helfen, sich mit ihrer vermeintlich neuen Heimat zu identifizieren. Woran liegt das? Nur an der Distanz der Einheimischen? Beziehungen sind nie einseitig. Und wer kann schon verlangen, dass man allen immer entgegenkommt. Es kommt auf die Bereitschaft von beiden Seiten an, aufeinander zuzugehen. Die Frage ist nur, wer den ersten Schritt wagen sollte.

Ausgrenzung zieht ihre Kreise

Im Urlaub ist der Fremde exotisch im positiven Sinn, im eigenen Land bleibt er meist exotisch im Sinn von „fremdartig“ und fühlt sich oft so behandelt. Diese Ausgrenzung gibt es wahrscheinlich in einigen Ländern. Sie ist vielen Einheimischen meist nicht bewusst, ich spreche hier nicht von offensichtlicher Fremdenfeindlichkeit. Eine solche Ausgrenzung erzeugt aber oft die Dynamik, dass sich Menschen bestimmter Nation(en) zusammenschließen, wenn sie sich länger im fremden Land befinden und keinen Zugang zu den Einheimischen finden, unter anderem aus dem Grund, weil sie nach Sicherheit (im Bekannten) suchen. Und das, obwohl sie sich im Geburtsland wahrscheinlich nicht miteinander abgeben würden. Bestimmte Gemeinsamkeiten verbinden in bestimmten Situationen. Diese Leute grenzen sich dadurch aber selbst aus und fühlen sich wahrscheinlich noch mehr ausgegrenzt, was sie dann weiter zusammenschweißt und zu noch größerer (eigener) Ab- und Ausgrenzung führt usw. Im Ausnahmefall zeitigt das sehr negative Folgen, im weniger schlimmen aber wahrscheinlicheren Fall erzeugt es Resignation beim Betroffenen.

Was du willst, das man dir tu

KreisViele von uns haben von Geburt an das Privileg, nie im Leben überdenken zu müssen, wo sie hingehören. Wir haben Glück. Es bleibt uns erspart, eine neue Heimat zu suchen. Doch was wäre, wenn wir uns irgendwann in der Fremde einrichten müssten? Was würden wir wollen, das andere uns dann tun?

Um auf den eingangs zitierten Spruch zurückzukommen: Es müssen in Deutschland oder einem anderen Land keine Zustände wie im Freudenhaus herrschen. Die meisten „Fremden“, die zwangsläufig im Land bleiben, würden sich schon über die Worte freuen: „Sie kommen als Fremder, Du bleibst als Freund.“ Noch mehr freuen sie sich bestimmt, wenn sie diese Worte selbst erfahren. Einen Freund lobt man, einen Freund kritisiert man. Vor allem aber nimmt man Anteil an seinem Leben und er an dem des anderen, auch wenn einem manche Verhaltensweisen des anderen nicht geläufig sind. Freundschaft ist schließlich keine Einbahnstraße.

Füreinander bessere Auslegungen sein

Die oben genannten Städte und Länder sind austauschbar. Die Dynamik der Ausgrenzung greift in vielen Ländern auf die eine oder andere Weise, bestimmt auch in einem Land wie den USA, die oft als Paradebeispiel für Integration angeführt werden. Es liegt nicht so sehr an der Politik, sondern vielmehr an der Gesellschaft und an jedem Einzelnen, der im Land lebt, aktiv seinen Teil dazu beizutragen, die Spirale der Ausgrenzung zu überwinden. Es geht darum, (auf) andere Menschen zu achten. Ich tue mich oft selbst schwer auf „Fremde“ zuzugehen und habe Vorbehalte einigen Kulturen gegenüber. Die Vorbehalte sind nicht immer begründet. Vor allem sind sie nicht pauschal anwendbar. Man muss meiner Meinung nach auch nicht allem gegenüber tolerant sein.

Ich würde mir aber wünschen, dass WIR manchmal bessere Auslegungen füreinander sind. Im Idealfall lernen wir so voneinander.

Sehnsucht

Je mehr wir verstehen,

dass nichts so leicht

zu machen ist

wie ein Fehler,

je mehr uns

die Frage umtreibt,

ob, warum schon die Zeit

Schuld bringt,

je zahlreicher

die Verhöhnungen werden,

die Schreckensnachrichten,

die Schatten der Gefolterten

und Getöteten –

um so mehr wächst

die Sehnsucht danach,

daß wir füreinander endlich

bessere Auslegungen sind,

daß nicht so viel

weiter verstellt ist,

daß wir mehr vom Leben

vor dem Tod spüren,

daß der Augenblick sich erwärmt,

wenn wir zusammen reden,

gleich jetzt,

an einem solchen Tag,

der als Schnee kommt.

(Walter Helmut Fritz)