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Was, wenn Pablo Escobar dein Vater wäre?

Für die einen ist er immer noch ein Engel, für die anderen der Teufel in Menschengestalt – Pablo Escobar, der einst gefährlichste Drogenboss Kolumbiens. Wie sein Sohn mit den Schatten der Vergangenheit lebt, erzählt der Film „Pecados de mi Padre“, die Sünden meines Vaters.

In „Killing Pablo“ beschreibt der amerikanische Journalist Marc Bowden die nervenaufreibende Jagd auf Pablo Escobar. Der Autor zeigt auch die väterliche Seite des Drogenbosses, seine Zuneigung zu seinem Sohn Juan Pablo Escobar. Gerade diese Beziehung ist besonders interessant im Buch dargestellt. Es wird auch das unmögliche Verhalten des Teenagers geschildert, der noch nach dem Tod von Pablo Escobar sagt, dass er die Mörder seines Vaters umbringen lassen wird. Beim Lesen dachte ich mir oft, dass Pablo Junior sicher den Weg des Vaters einschlagen wird.

Des einen Tod ist des anderen Leid

„Killing Pablo“ endet, wie nicht anders zu erwarten, mit dem Tod Escobars. Damit fängt allerdings ein neues Kapitel im Leben der Hinterbliebenen an. Nach der Lektüre stellte ich mir die Frage, was wohl aus Pablos Familie und vor allem aus seinem unsympathischen Sohn geworden ist. Der Dokumentarfilm „Pecados de mi Padre“ versucht eine Antwort darauf zu geben. Er zeigt Pablo Junior im Alter von 32 Jahren, mit neuem Namen, Sebastián Marroquín und er zeigt ihn sichtlich geläutert. Nach der „Flucht“ aus Kolumbien, fand die Familie schließlich Asyl in Argentinien. Das Interview beginnt hier. Sebastián Marroquín erzählt die Geschichte seines Vaters. Er schildert seine Kindheit und die Verfehlungen von Pablo Escobar. Genau diese Verfehlungen, sagt er, haben ihn gelehrt, das Gegenteil davon zu tun, um sich richtig zu verhalten. Der Film handelt von Schuld und Sühne, nur leistet der Sohn hier Abbitte für die Vergehen seines Vaters. Er tut das symbolisch für alle Opfer, indem er die Söhne der ermordeten Politiker Rodrigo Lara Bonilla und Luis Carlos Galán um Verzeihung bittet. Rodrigo Lara Bonilla bekleidete das Amt des Justizministers unter dem Präsidenten Belisario Betancur. Pablo Escobar ließ ihn 1984 ermorden, weil er strafrechtlich gegen das Medellín-Kartell unter der Herrschaft von Escobar vorgegangen war. Nach seinem Tod begann die Regierung einen „Kampf“ gegen die Drogenkartelle.
Luis Carlos Galán war ein charismatischer liberaler Politiker und Anwärter auf das Präsidentenamt. Er sprach sich öffentlich gegen das Medellín-Kartell aus und wurde u.a. deswegen 1989 ermordet.

Nach langer Korrespondenz zwischen Sebastián Marroquín und den Söhnen der ermordeten Politiker findet tatsächlich ein Treffen statt, in Kolumbien, dem Land, das Sebastián Marroquín seit seiner „Flucht“ nicht mehr betreten hat. Im Interview zeigt sich Marroquín einsichtig und er entschuldigt sich bei den Angehörigen der Opfer. Das erschien mir ehrlich. Ich fand den Mut von allen und das Entgegenkommen der Beteiligten bewundernswert. – Auch die Bereitschaft von Galáns und Bonillas Söhnen, sich überhaupt auf ein Treffen einzulassen.

Immer wieder werden interessante Szenen aus dem Leben von Luis Carlos Galán und Rodrigo Lara Bonilla eingeblendet. Der Zuschauer erfährt dadurch über die damalige Zeit und Stimmung. Zudem erzählen die Söhne von ihrer Vergangenheit und schildern ihre Gedanken über Pablo Escobar. Sie machen klar, dass sie Sebastián Marroquín nicht die Schuld für die Verbrechen seines Vaters geben. Trotzdem sei es für sie schwer gewesen, dem Sohn Pablo Escobars gegenüberzutreten. Galáns ältester Sohn sagte nach dem Treffen, dass ihn dieses von dem jahrelangen Gefühl der Wut befreit hat.

Es bleibt die Frage, wie ehrlich Escobars Sohn seine Entschuldigung gemeint hat. Für eine Lüge müsste er allerdings ein sehr guter Schauspieler sein. Die Wandlung vom unsympathischen Teenager zum reuevollen Erwachsenen hat mich sehr beeindruckt.

Ohne Freiraum

Eine Szene ist mir vor allem im Gedächtnis geblieben. Pablos Sohn erzählt, wann er erkannt hat, dass sich ein Leben als Verbrecher nicht lohnt: Auf der Flucht sitzen er und sein Vater in einem Zimmer voll Geld und müssen hungern. Sie sind eigentlich reich, aber trotzdem die Ärmsten, weil sie nicht frei sind. Sebastián Marroquín ist heute Immobilienmakler. Wo das verschollene Vermögen seines Vaters geblieben sein könnte, darauf kann oder will er keine eindeutige Antwort geben.